‘Ausschneiden wenn Möglich, beschlagen wenn nötig’

Jeder Pferdebesitzer will das Beste für sein Pferd. Wenn es zu der Frage ‚Ausschneiden oder Beschlagen?‘ kommt, lässt der Pferdebesitzer sich durch seinen Hufschmied informieren. Die meisten Hufschmieden werden den Ratschlag geben ‚Ausschneiden wenn möglich, beschlagen wenn nötig.‘ Aber wann kann ein Pferd barhuf laufen? Und wann muss ein Pferd beschlagen werden? Um diese Frage gut beantworten zu können, braucht man Wissen über die Evolution des Pferdes, seiner Lebensumgebung und die Funktionen der Hufen.

Das pferdeleben heutzutage

Das Pferd ist ein Resultat millionen Jahre langer Evolution. Im Laufe der Evolution wurde die ‚Bauzeichnung‘ des Pferdes ständig angepasst und verbessert. Wenn wir auf diese Evolutionsperiode schauen, sehen wir, dass der Mensch sich erst seit sehr kurzer Zeit damit beschäftigt wie Pferde aussehen (Pferdezucht) und wie deren Lebensumgebung eingerichtet ist (Unterkunft, Ernährung, Hufpflege). Die Einmischung des Menschen in die Bauzeichnung des Pferdes ist dem Pferd in bestimmten Hinsichten nicht zu gute bekommen (denken Sie hierbei an rassenspezifische Probleme). Außerdem haben sich die Lebensumstände unserer domestizierten Pferde deutlich verschlechtert.

Das Pferd hat, auf der Suche nach Nahrung und Wasser, einen natürlichen Drang um sich kontinuierlich viel zu bewegen. Der Körper des Pferdes ist dazu entwickelt um täglich etliche Kilometer über verschiedene (harte) Untergründe zu laufen. Im Kontrast zu dieser natürlichen Lebensweise, stellt der heutige Pferdebesitzer sein Pferde in Ställe mit angenehm weichem Boden, reitet sein Pferd auf Superböden und lässt sein Pferd täglich für eine halbe Stunde in einer Laufmühle laufen. Dazu gibt er seinem Pferd seine tägliche Portion Futter, verteilt über ein bis zwei Mahlzeiten. Den Rest des Tages verbringt das Pferd mit Stillstehen.

Sich fuer Hufbeschlag entscheiden

Ich vertrete die Meinung, dass Hufbeschlag nicht nur unnötig, aber vor allem auch ungesund für das Pferd ist. Viele oftmals genannte Gründe warum man sein Pferd beschlagen lassen sollte sind: Übermäßiger Abrieb auf harten Untergründen; Verbesserung der Gänge und des Standes; Fühligkeit und die Möglichkeit um die Eisen mit Stiften zu versehen. Als Hufspezialist kann ich all diese Argumente widerlegen.

Übermäßiger Abrieb

Viele Hufschmiede und Reiter denken, dass ein Pferd auf der Hufwand/dem Tragrand laufen sollte. Studien zeigen allerdings, dass dies nicht stimmt. Die Hufwand hat sicherlich auch eine tragende Funktion, aber erfüllt diese Rolle nicht allein. Gesunde Hufe von Huftieren haben eine kurze Hufwand, welche dafür sorgt, dass auch andere Strukturen des Hufes Gewicht tragen, sowie zum Beispiel die Sohle und der Strahl. Wird die Hufwand zu lang, versucht Mutter Natur auf verschiedenste Arten und Weisen um die übermäßige Länge los zu werden. Dies kann sich in Hufrissen, aber auch in sogenannten ‚flares‘ äußern: Die Hufwand biegt sich nach außen hin weg, damit die Sohle wieder mit tragen kann. Der Strahl sorgt dann dafür, dass der Huf sich nicht weiter als nötig abreibt.

Verbesserung des gangbildes

Obwohl Pferde manchmal den Anschein machen um mit Eisen besser zu laufen, kann das Gangbild niemals 100% positiv verändert werden. Durch das extra Gewicht kann das Pferd zeitweise vielleicht etwas mehr Knieaktion sehen lassen. Die Bewegung wird sich nach dem Beschlag, vor allem von fühligen Hufen,  auch etwas verbessern.

Das Pferd hat eine sehr präzise, für ein Beutetier notwendige Kontrolle über seinen Körper und Beine. Schlagen Sie ein Hufeisen unter den Huf, dann wird diese natürliche Kontrolle erheblich reduziert. Das enorme Gewicht des Hufeisens im Vergleich zum Huf verursacht starke Zentrifugalkräfte an den Beinen, so dass die Hufe anders platziert werden, als das das Pferd berechnet hat. Darüber hinaus verliert ein Pferd auf Hufeisen alle Sinne wo und wie er seine Hufe gebrauchen muss, weil seine Hufe den Kontakt mit dem Boden verloren haben. Die natürliche Stoßdämpfung des Pferdehufes wird durch ein Eisen völlig zunichte gemacht, so dass die Gelenke von Sportpferden oftmals übermäßigen Verschleiß aufweisen. Schließlich gehört ein Pferdehuf, genauso wie ein menschlicher Fuß, sich vernünftig ab zu rollen. Mit einem bewegungslosem Hufeisen unter dem Huf ist ein normales abrollen beinah unmöglich.

Verbesserung des Standes

Der Stand kann mit Beschlag sicherlich, jedoch in der Regel nicht im positiven Sinne und schon gar nicht für einen längeren Zeitraum beeinflusst werden. Wenn ein Pferd beschlagen ist, schleift der Huf  nicht mehr wie er es in der freien Natur zu würde. Die Hufwand kann durch das Eisen nicht mehr in der Zehe abreiben, so dass die einzige Möglichkeit zum Abrieb in den Trachten vorhanden ist. In diesem Bereich befinden sich keine Nägel und kann die Hufwand über das Eisen bewegen. Dies führt zu einer Standveränderung während des Beschlagsintervalls. Der Stand des Pferdes wird nach acht Wochen mit Eisen also anders sein, als zu Beginn als der Schmied das Pferd beschlagen hat. Es ist daher unmöglich, den Stand zu verbessern und sicherzustellen, dass der Stand auch so bleibt, es sei denn, der Hufschmied würde wöchentlich den Beschlag erneuern (der Huf würde dann jedoch sehr schnell zu einem Löcherkäse werden).

Fuehligkeit

Ein Pferd hat Gefühl in seinen Hufen. So weiß es, wo es seine Hufe hinsetzen kann. Allerdings es ist nicht gut, wie ein Pferd überempfindliche Hufe hat und Schmerzen bei jedem Schritt hat.

Diese Überempfindlichkeit wird nie (wie viele denken) durch eine zu kurze eine Hufwand oder durch barhuf laufen verursacht, sondern findet seinen Ursprung generell in der Qualität der internen Hufstrukturen.

So kann es sein, dass die Huflederhaut in einem schlechten Zustand ist, z. B. durch Vergiftungen oder schlechte Ernährung. Auch kann die Sohle zu dünn sein (der Schmied kann zu viel Sohlenmaterial weggenommen haben) oder die Strahlkissen sind unterentwickelt, oft durch einen Mangel an Druck auf dem Strahl z. B. als Folge von Beschlag. Darüber hinaus könnten die kollateralen Gelenksbänder durch eine schlechte Hufbalance schmerzhaft sein. In vielen Fällen wird der Beschlag den Schmerz lindern, z. B. bei einer empfindlichen Sohle. Die Sohle wird durch das Eisen vom Boden entfernt, wodurch die Überempfindlichkeit nicht mehr wahrnehmbar ist. Zusätzlich verschlechtert beschlag die Durchblutung der Hufe, wodurch die Schmerzen auch augenscheinlich weniger werden. Der Beschlag scheint in solchen Fällen eine gute Lösung zu sein, aber die Ursache für das Problem wird bei diesem Ansatz völlig ignoriert. Es gibt auch andere, häufig bessere Lösungen, wie zum Beispiel Hufschuhe oder Kunststoffhufschutz, aber mehr dazu in einem späteren Artikel.

DiE Moeglichkeit um Stifte zu benutzen

In den Barhuf können keine Stiftlöcher gebohrt werden. Der Barhuf, besitzt jedoch ausreichende Eigenschaften, um auch ohne Stifte gut zu funktionieren. Ein Huf ist dazu gebaut, um optimalen Grip zu ermöglichen und gut ab rollen zu können um zu jederzeit einen Sprint einlegen zu können, zum Beispiel im Falle eines Angriffs durch ein Raubtier. A balanciert laufendes Pferd (wie es in der Dressur sein sollte) wird auch auf glattem Rasen nicht rutschen.

Fazit

Beschlag bietet nur selten eine dauerhafte Lösung. Beschlag kann verwendet werden, aber es sollte immer danach geguckt werden wie die Gesundheit des Pferdehufes optimiert werden kann, sodass das Pferd wieder barhuf laufen kann. Beschlag kann Schmerzen lindern, aber kümmert sich sicherlich nicht um die Ursache des Problems, es kümmert sich lediglich um die Folgen. In meiner Arbeit gehe ich davon aus, dass es wichtig ist um die Ursache zu bekämpfen. Dies führt schließlich zu einem gesünderen Pferd und ist kostengünstiger für den Besitzer.

Gucken Sie sich die untenstehenden Filme an. Zu sehen ist der Unterschied in der Landung in Trab zwischen einem Barhuf und einem beschlagenen Huf. Andere interessante Filme können auf www.naturhov.dk angeschaut werden. Auch gibt es hier eine interessante DVD: A study of movement part one.
BESchLAGEN

Higspeed Aufnahme eines beschlagenen Pferdes im Trab
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Higspeed Aufnahme eines barhuf Pferdes im Trab